Wie sich die frühkindliche Bindung auf unser Liebesleben auswirkt

Frühkindliche Bindung und spätere Beziehungen

Bindung ist etwas, was uns prägt. Sie hat viel mit Beziehungsfähigkeit zu tun bzw. auch mit der Art der Beziehungen, die wir führen – schließlich stellt die frühe Eltern-Kind-Bindung das Ur-Modell einer Beziehung  dar. Sie ist aber noch viel mehr als das - eine sichere Bindung ermöglicht uns so etwas wie das „Urvertrauen“ in die Welt, in andere und in uns selbst. So lernen wir früh die Basics über Liebe, Nähe und Sehnsucht – wenn auch zunächst  in einem familiären Kontext. In dieser sensiblen Phase bilden wir unser Urteil darüber, ob Nähe als etwas Angenehmes, Erstrebenswertes oder eher etwas Chaotisches, Schmerzhaftes oder Beängstigendes empfunden wird. Und diese innere Einstellung auf Basis dieser frühkindlichen Erfahrung begleitet uns dann ein Leben lang.

Nähe und Distanz

Viele  von uns bezeichnen sich selbst als „bindungsscheu“ oder meinen, sie wollen sich „nicht fest binden“. Sie erleben Partner als „anklammernd“ und Beziehungen als einschränkend.

 

Andere haben bereits Beziehungen mit Partnern erlebt, von denen sie regelmäßig auf Distanz gehalten wurden und manche geraten immer wieder in destruktive Beziehungen, die sie verletzen, kränken und die Sehnsucht nach Nähe eher vergrößern anstatt sie zu stillen. „Bindungsangst“ ist ebenso verbreitet wie das „Pech, immer an den Falschen zu geraten.

 

Welches Maß an Nähe als angenehm empfunden wird, hängt vor allem davon ab, wie wir die frühkindliche Bindung erlebt haben – davon, inwieweit unsere kindlichen Bedürfnisse von der Bindungsperson (meist  Mutter/Vater) beantwortet wurden und ob Nähe als etwas Angenehmes erlebt wurde oder uns geängstigt hat.

Kindliche Signale richtig deuten

Hier ist natürlich entscheidend, wie feinfühlig die Eltern waren und wie gut es gelang, die Signale des Kindes wahrzunehmen, richtig zu interpretieren und angemessen darauf zu reagieren. Nicht immer ist es einfach, zu wissen, warum ein Baby schreit… Ist es hungrig, müde, verängstigt, genervt, hat es Schmerzen etc...??  Außerdem spielt der Charakter des Kindes eine große Rolle – vor allem wie leicht irritierbar es ist. Nicht jedes Baby lässt sich gleich schnell aus der Ruhe bringen - so wie auch jede(r) von uns eine andere seelische Verletzlichkeit mit sich trägt.

 

Bei der frühen Eltern-Kind-Bindung  geht es vor allem darum, ob und inwiefern ein Kind sich darauf verlassen kann, dass seine Grundbedürfnisse nach Nahrung und Nähe gestillt werden und mit welcher Regelmäßigkeit das passiert. Auf Basis dieser frühen Erfahrungen lässt das kindliche Gehirn ein erstes Konzept über Funktionalität, Nutzen und Wert von Nähe entstehen - ganz nach dem Motto: "Aha, so ist das also mit der Liebe...".

Bindungssicherheit - Bindungsstile

Schließlich entstehen in den ersten Lebensjahren verschiedene Bindungsstile (nach Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth):

Die sichere Bindung

Hier ist es der Bindungsperson gelungen, dem Kind zu vermitteln, dass auf seine Bedürfnisse angemessen eingegangen wird und dass es sich darauf verlassen kann. Das Kind entwickelt ein Ur-Vertrauen in das „Gute“ in der Welt, in andere und in sich selbst. Bei kurzen Trennungen vermisst das einjährige Kind die Bindungsperson zwar sehr, lässt sich aber durch andere Personen, Tiere, Spiele etc. ablenken. Kehrt die Bindungsperson nach kurzer Zeit wieder zurück, freut sich das Kind und kann seine Stabilität wieder erlangen.

 

Menschen mit sicherer Bindung im Kleinkindalter können im späteren Leben Nähe und Liebe gut annehmen, sich in einer Beziehung geborgen und entspannt fühlen, ohne sich dabei selbst aus den Augen zu verlieren. Körperliche Nähe wird als natürlicher Bestandteil gesehen und ist der Partner gerade nicht da, wird dieser zwar vermisst, aber das Gefühl der inneren Verbundenheit bleibt aufrecht und so kann das Alleinsein auch gut ausgehalten werden.

Die unsicher-vermeidende Bindung

ensteht, wenn ein Kind von den Eltern konsequent zurückweisendes „kaltes“ Verhalten erleben musste und der Wunsch nach Nähe einseitig blieb. Das klingt furchtbar und herzlos  – dennoch gibt es leider viele Menschen, die ihre frühe Kindheit so erlebt haben. Vor allem in Kriegs- und Krisenzeiten oder wenn die Bindungsperson stark überfordert ist, selbst an psychischen Problemen (z.B. Depression) leidet, kann es vorkommen, dass sie sich dem Kind gegenüber eher distanziert verhält.

 

Unsicher-vermeidend gebundene Kinder reagieren bei der Trennung von der Bindunsgperson  relativ unbeteiligt, lassen sich leicht von Fremden trösten und ignorieren die Mutter/den Vater/... bei ihrer Rückkehr. Innerlich erleiden sie großen Stress und kämpfen mit einem Konflikt aus Wunsch nach Nähe, Ärger über die Zurückweisung und Angst davor.

 

Aggression & Abhängigkeit

Unsicher-vermeidend gebundenen Menschen verhalten sich im Erwachsenenleben in Beziehungen eher distanziert, haben Angst vor Zurückweisung und vermeiden es daher, allzu enge Bindungen einzugehen. Tun sie es doch, so kann sich das Verhalten ins Gegenteil verkehren und vor allem Frauen verhalten sich dann sehr oft anhänglich und „anklammernd“ und begeben sich in prekäre Abhängigkeitsverhältnisse aus denen sie sich nur schwer wieder befreien können.

Bei Männern lässt sich allgemein eher aggressives Verhalten beobachten, es besteht ein potentielles Risiko für die Entwicklung einer antisozialen Persönlichkeitsstörung.

Viele unsicher-vermeidend gebundene Menschen bleiben aber einfach allein - es besteht zwar oft eine innerliche Sehnsucht nach Nähe, dies wird jedoch häufig durch Resignation verdrängt, wobei die innerliche Isolation auch oft zu depressiven Verstimmungen führen kann.

 

Die unsicher-ambivalente Bindung

Hier herrscht die Ambivalenz. Mal reagiert die Bindungsperson den Bedürfnissen des Kindes entsprechend, ist einfühlsam und spendet Nahrung/Nähe, dann wieder nicht – ohne ersichtlichen Grund für das Kind. Das kann damit zu tun haben, dass die Bindungsperson die Signale des Kindes nicht richtig deuten kann, sich zu wenig intensiv damit beschäftigt, schlicht und einfach überfordert ist, in der Erziehung unsicher oder chaotisch ist, das Kind aufgrund fragwürdiger Erziehungsratgeber nachts schreien lässt und tagsüber nicht oder mit eigenen psychischen Problemen zu kämpfen hat.

 

Die Unvorhersehbarkeit der elterlichen Reaktionen irritieren und verunsichern das Kind sehr. Bei einer Trennung reagiert es sehr ängstlich, wütend und theatralisch – das Kind schreit, schlägt um sich, tobt und lässt sich kaum beruhigen. Selbst bei der Rückkehr der Bindungsperson scheint es untröstlich, bleibt wütend und gestresst.

 

Angst, Ambivalenz und Drama

Der unsicher-ambivalente Bindungsstil ist leider sehr verbreitet und ein  Zusammenhang mit einer späteren emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung wird stark vermutet. Da Nähe als etwas Unvorhersehbares und Schmerzhaftes erlebt wurde, leiden Betroffene im Erwachsenenalter sehr häufig unter starken Ängsten vor dem Verlassenwerden, sind übermäßig eifersüchtig und neigen dazu, ihre Partner abwechselnd zu idealisieren und dann wieder zu entwerten.

Das theatralische, dramatische Verhalten aus der Kindheit bleibt bei einem großen Teil erhalten und zeigt sich vor allem in Situationen, wo es in der Beziehung kriselt und die tiefsitzenden Beziehungsängste angetriggert werden – unsicher-ambivalent gebundene Menschen scheuen sich nicht davor, "in aller Öffentlichkeit eine Szene zu machen“, sie werden häufig von starken Gefühlen überwältigt und hoffen so, dem/der ParterIn begreiflich zu machen, wie sehr sie diesen lieben udn brauchen.

Hinter all der Leidenschaft und dem Drama steckt oftmals ein chaotisches Knäuel aus Verwirrung, Verstrickung, Widersprüchlichkeit und Ärger, was Betroffenen auch abseits von Beziehungen das Leben schwer macht. Gefühle können schlecht eingeordnet werden. Nach Außen hin wirkt es so, als würden Betroffene "überreagieren" -  innerlich werden Gefühle aber tatsächlich als sehr intensiv und überschwemmend erlebt.

Was die Bindung beeinflusst

Bei all diesen Entwicklungen spielen vor allem 3 Faktoren eine entscheidende Rolle:

 

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Elterliche Feinfühligkeit

Die Bereitschaft und Fähigkeit der Eltern, kindliche Signale wahrnehmen, interpretieren und beantworten zu können. Hängt stark vom eigenen Bindungsstil ab - Bindungsstile können auch über Generationen weitergegeben werden.

Charakter des Kindes

Die individuelle Disposition des Kindes  bezüglich Irritierbarkeit, Charakter, Orientierunsgfähigkeit und Sensibilität.

Soziale Einflüsse

Die Familien- und Lebenssituation im Allgemeinen sowie äußere politische Sicherheit, soziale Unterstützung durch Freunde, Familie und Kinderbetreuung, finanzielle Absicherung.


Das Leben besteht aus Mustern

Fazit ist, dass frühkindliche Erfahrungen uns sehr stark prägen - im Guten sowie im Schlechten, egal ob wir das wollen oder nicht. Dennoch ist nicht alles in Stein gemeiselt - die Gestaltung unserer Liebesbeziehungen hängt nicht ausschließlich vom Bindunsgtyp sondern auch von vielen anderen Erfahrungen im Laufe unserer weiteren Entwicklung ab. Außerdem spielen Vorbildwirkungen relevanter Personen und einschneidende Lebensereignisse eine Rolle.

Die eigenen Verhaltensmuster zu erkennen und zuordnen zu können, kann aber sehr spannend und vor allem hilfreich sein, um sein Leben erfüllend und zufriedenstellend zu gestalten. Und dafür ist es - zum Glück! - nie zu spät!