Liebe trotz Partnerschaft?

So seltsam es auf den ersten Blick auch scheinen mag, aber bei Liebe und Partnerschaft handelt es sich um zwei grundverschiedene Dinge, die kaum miteinander zu vereinbaren sind, einander teilweise sogar ausschließen.

So wird das (Liebes-)Leben zur Herausforderung... Aber muss das denn sein?

 

Liebe passiert

Gehen wir zuerst dorthin, wo alles beginnt, dorthin wo die Schmetterlinge Achterbahn fahren:

 

Es passiert, ob wir wollen oder nicht, wir können uns weder Zeitpunkt noch Objekt aussuchen - wir verlieben uns einfach, manchmal passiert es nach und nach und manchmal trifft es uns wie ein Blitz. Sofern unsere Liebe erwidert wird, beginnt eine himmelhochjauchzende Episode unermesslicher Glückseligkeit, in der alles andere unwichtig erscheint und wir „alles für den anderen tun würden“.  Wir sind in dieser Zeit ungewöhnlich offen für Veränderung, passen uns an einander an, tun Dinge, die wir so von uns nicht kennen - die Liebe ist alles, was zählt und wir hoffen, dass sie niemals enden möge.

 

Sofern sich beide Liebende darüber einig sind, dass sie diese Verbindung längerfristig beibehalten wollen, wird der nächste Schritt getan und eine Partnerschaft eingegangen. Nun sind wir also offiziell ein Paar.

 

Nach einigen weiteren Wochen der Euphorie und Freude über die veränderte Lebenssituation findet man sich jedoch plötzlich immer häufiger beim Aushandeln alltäglicher Notwendig- wie Belanglosigkeiten wieder (zärtliche und sexuelle Gefälligkeiten nicht selten mit eingeschlossen) anstatt voll glühender Leidenschaft übereinander herzufallen. Spontaneität und Überraschungen werden überlagert von Zeitmanagement und Vereinbarungen, irgendwann gibt´s Romantik maximal zu feierlichen Anlässen oder am Jahrestag.

Und genau an dieser Stelle kann das, was zuvor sehnlichst herbeigewunschen wurde, nämlich eine Entscheidung beider Partner für einander, zum größten Hindernis für die junge Liebe werden. Aber warum ist das so?

Liebe kennt keine Grenzen - und auch keine Gesetze

Zu den Charaktereigenschaften der Liebe gehört die Tatsache, dass wir weder ihren Anfang noch ihr Ende willentlich beeinflussen können. Sie ist irrational – wie bereits weiter oben erwähnt, können wir uns nicht aussuchen, in wen und wann wir uns verlieben.

Manchmal verlieben wir uns in jemanden, der uns nicht liebt, und gehen dadurch durch die Hölle.

 

Manchmal ist es umgekehrt und wir wünschen uns, jemanden lieben zu können, was allerdings nicht gelingt, da man Liebe bekanntermaßen nicht erzwingen kann.

Die Liebe kann uns ins Verderben stürzen, z.B. wenn wir uns bereits in einer Partnerschaft befinden und uns in jemand anderes verlieben – sie zerstört dann Ehen und Familien. Sie bringt uns dazu, jemandem „hörig zu sein“ oder uns zu erniedrigen und dem Liebesobjekt „hinterherzulaufen“. Manchmal lieben wir auch bis zur Selbstaufgabe.

Oder wir verlieben uns in jemanden, den wir eigentlich nicht für ausreichend attraktiv oder geeignet halten…

Es gibt unzählige derartige Szenarien. 

Wir können bei all dem keine bewussten Entscheidungen treffen und sind somit nicht vertragsfähig.

Partnerschaft als Vertrag

Eine Partnerschaft wiederum stellt eine Art von Vertrag dar – es geht um eine dauerhafte Kooperation für ein funktionierendes Zusammenleben. Anfang und Ende sind klar markiert, Regeln werden festgesetzt und Bedingungen ausgehandelt – dabei sollte Liebe in all ihrer Romantik doch bedingungslos sein, oder? Liebe verzichtet auch auf Gerechtigkeit (ich tue alles für dich, du schuldest mir nichts) und genügt sich selbst. Zu lieben macht erwiesenermaßen glücklicher als geliebt zu werden. Geben bereichert mehr als Nehmen. Und dennoch werden wir unglücklich, wenn wir in einer Beziehung das Gefühl haben, ungerecht behandelt zu werden, mehr zu investieren als der Partner oder die Partnerin oder nicht gleichberechtigt bzw. auf Augenhöhe zu agieren.

 

All diese entgegengesetzten Charakteristika von Liebe und Partnerschaft stellen für uns somit eine große Herausforderung dar. Wir wollen einander so nah wie möglich - und doch so unabhängig wie möglich von einander sein. Sind langfristige Beziehungen inklusive Liebe also überhaupt mach- bzw. lebbar? Oder leidet immer das eine auf Kosten des anderen?

Wenn Liebe doch nur einfach wäre...

Warum macht die Natur uns das mit der Liebe denn nur so schwer, fragt man sich jetzt?

Was ist der Sinn des Ganzen???

Ganz klar ist man sich selbst im Bereich der Liebespsychologie darüber noch nicht, es gibt lediglich Hinweise dazu...

 

Ein entscheidender Faktor dafür, warum und in wen wir uns überhaupt verlieben, ist laut der Anthropologin Helen Fisher („Anatomy of love“), „the chase“ – also die Jagd und Herausforderung. In der Liebe darf nichts „zu einfach“ sein, sonst hat es keinen Wert und wirkt nicht attraktiv. Ist es also möglich, dass die Natur uns mit der (Un-)Vereinbarkeit von Liebe und Partnerschaft eine Lebensaufgabe gestellt hat, die uns genug zu tun gibt, um das Interesse an einander nicht zu verlieren?  Einer der häufigsten Trennungsgründe ist laut Liebesforschung die Sehnsucht nach Drama, Action, Aufregeung und Gefahr. Statt eintöniger Harmonie hält also das Ringen zwischen Nähe und Unabhängigkeit das Feuer zwischen zwei Menschen lebendig und bietet genug Zündstoff, um dieses immer wieder neu zu entfachen.

 

Und wenn uns das zu anstrengend erscheint, sollten wir uns vielleicht weniger damit beschäftigen, ob, wann und wie unsere Partnerschaft denn (noch) Sinn macht und uns lieber einer Sache zuwenden, der im Beziehungsalltag häufig zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird: dem ursprünglichem Motiv, der bedingungslosen, irrationalen und romantischen Liebe.

So können wir unseren Ängsten mit heiterer Gelassenheit begegnen und akzeptieren, dass Liebe sich selbst genügt. Liebe ist der Sinn.

 

Autorin: Julia Hwesta-Spitzer


Mehr zum Thema findet man bei

  • Jürg Will - Psychologie der Liebe
  • Arnold Retzer - Systemische Paartherapie
  • Robert Trappl - Prof. u.a. an der Meduni Wien

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Kommentare: 1
  • #1

    christa graf (Sonntag, 28 April 2019 07:52)

    Hallo Julia,
    Super geschrieben, mein Kompliment!
    Ich hoffe, viele Menschen lesen deinen Artikel, dann wird ja manches verständlich....