Wenn Kinder im Elternbett schlafen - Ein Plädoyer

Die Thematik rund um Schlafverhalten und Schlafregulation von Babys und Kleinkindern erhitzt nach wie vor die Gemüter. Erst unlängst musste ich in einem Artikel der WOMAN lesen, dass Psychologen angeblich davor warnen, Kinder im Elternbett nächtigen zu lassen („Wenn Kinder bei den Eltern schafen“). Nun frage ich mich erst einmal, welche Psychologen das sein mögen (im Artikel wurde kein Kollege namentlich erwähnt bzw. keine Quelle genannt) und muss mich wieder einmal darüber ärgern, welche Sachverhalte meinem Berufsstand da einmal mehr in den Mund gelegt werden.

Da das Thema hohe Relevanz besitzt und Mütter und Väter sich berechtigter Weise den Kopf darüber zerbrechen, möchte ich als Klinische und Gesundheitspsychologin nun auch etwas dazu sagen. Es ist immer wieder beeindruckend, wie sehr im Grunde genommen einfache Sachverhalte künstlich komplizierter gemacht werden. Hier einige Punkte des menschlichen Verhaltens und Erlebens im Kontext einer gesunden kindlichen Sozialisation:

 

1.       Kinder kommen schutzlos zur Welt – sie sind auf Pflege, Schutz und Ernährung durch Erwachsene (meist die Erzeiheungsberechtigten) angewiesen. Als der Mensch noch in Höhlen lebte, wäre niemand auf die Idee gekommen, ein wehrloses Baby in einen separierten Bereich/Raum zu legen und zu erwarten, es werde nun seelenruhig und tief einschlafen. Babys sind darauf programmiert, sich vehement (durch lautes Schreien) bemerkbar zu machen, und zwar in dem Moment, wo sie sich allein in einem abgetrennten Bereich ohne menschlichen bzw. elterlichen Schutz wiederfinden. Ihr Bindungsschrei geht durch Mark und Bein und ist ein wichtiger Überlebensmechanismus gegen Schutzlosigkeit. Das Baby schreit im wahrsten Sinne des Wortes um sein Leben. In uns wiederum löst das Schreien eines Babys zum Glück massive Alarmbereitschaft aus, wir eilen herbei, um das Kind zu beschützen und zu versorgen - mitunter ist diese biologische Programmierung ein Grund dafür, dass Babygeschrei so schwer zu ertragen ist und kaum ignoriert werden kann.

 

2.       Neugeborene müssen so ziemlich alles neu erlernen, was von uns Erwachsenen als selbstverständlich angesehen wird. Allerdings funktioniert das mit dem Lernen meistens so, dass uns jemand etwas so lange zeigt und es mit uns wiederholt, bis wir es irgendwann selber können. Genauso ist es mit dem Schlafen. Man kann ein Baby nicht in ein eigenes Bettchen stecken und erwarten, dass es die komplizierte Sache mit dem Einschlafen sofort selbständig erlernt. Darf das Kind allerdings erst einmal im Elternbett schlafen und somit am Beispiel der Eltern das Ein- und Durchschlafen „üben“, so erhält es eine gute Basis, um sich später einmal selbst ein Gefühl von Schutz und Geborgenheit vermitteln zu können. Dies braucht allerdings Zeit und Geduld. Kinder, die diese elementare Schule des Schlafenlernens nicht erleben durften, haben häufig im Erwachsenenalter mit Ein- und Durchschlafproblemen zu kämpfen.

 

3.       Neugeborene müssen außerdem lernen, regelmäßig und ohne Unterbrechung im Schlaf weiter zu atmen. Das klingt für uns absolut trivial, ist es aber nicht. Kinder, die zumindest im elterlichen Zimmer schlafen, und somit die Atemgeräusche der Eltern (wenn auch unbewusst) wahrnehmen, leiden um ein Vielfaches seltener an spontanen Atemaussetzern als Kinder, die in einem separierten Raum zur Ruhe gelegt werden.

 

4.       Sobald ein Kind ausreichend Schutz und Geborgenheit durch die elterliche Nähe „konsumiert“ hat, wird es wiederum langsam beginnen, sich auf „Entdeckungsreise“ zu begeben und sich Schritt für Schritt abzulösen. Dazu gehört auch der aufkommende Wunsch nach einem eigenen Bett und einem eigenen Zimmer. Wann der Zeitpunkt gekommen ist, an dem das Kind dies selbst einfordert, ist von Kind zu Kind verschieden. Fest steht aber, dass kein normal sozialisiertes Kind in der Pubertät noch im Bett der Eltern schlafen möchte. Aber keine Sorge – so lange dauert es in der Regel nicht ;-)!

     Bei den meisten Kindern, die im ersten Lebensjahr die Erfahrung gemacht haben, dass ihre Bedürfnisse nach Schutz, Nahrung, Pflege und Geborgenheit angemessen beantwortet wurden, und die dadurch ein gewisses Maß an Selbstsicherheit erlangt haben, regt sich bereits beim Eintritt des genannten „Trotzalters“ (wenn Kinder ihre Handlungsfähigkeit bewusst erfassen) mit ca. zwei Jahren der Wunsch nach Eigenständigkeit und somit nach einem eigenen Reich.

 

Praktische Tipps

Ein spezielles Babybeitsellbett führt dazu, dass Erziehungsberechtigte nachts nicht ständig aufstehen müssen, wenn das Baby seine Bedürfnisse äußerst, sondern dass man sich bequem zum Nachwuchs hinüberdrehen und diesen vom Bett aus stillen/füttern/halten/wiegen kann. So können alle Beteiligten rascher wieder zur Ruhe kommen und friedlich weiterschlafen.

Die günstigste Variante davon ist, einfach ein Gitterbett zu nehmen und eine Seite des Gitters nicht anzuschrauben - und schon hat man ein Babybeistellbett, das groß genug ist, um auch größeren Kindern Platz zu bieten, wenn die Mal wieder elterliche Nähe brauchen.

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